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Frontispizxxx
[titlePage_recto]
über
den Bildungstrieb

und das
Zeugungsgeschäfte.
xxx

Göttingen,
bey Johann Christian Dieterich
,
1781
.
[titlePage_verso]
Indagatio ipsa rerum tum maxumarum tum etiam
occultissimarum habet oblectationem: si vero aliquid oc-
curret quod veri simile videatur, humanissima conpletur
animus voluptate.
(cic. academicor. II. 41.)

[[3]]

Da die gegenwärtige Schrift das Ge-
ständnis einiger Irthümer enthält,
denen ich vorhin beygepflichtet, die ich ge-
lehrt und selbst mehrern Werken vertheidigt
habe, so würde ich sie nicht ohne einiges
Erröthen in die Welt schicken können, wenn
mich nicht theils schon die unabbittlich
strenge Verpflichtung, der Warheit auf alle
Weise nutzbar zu werden, über einen sol-
chen kleinen Anstos beruhigen müßte, und
wenn nicht anderntheils die Wichtigkeit,
und die so unzähligmal beklagte Dunkel-
heit des Gegenstandes den diese Blätter be-
treffen, und die Schwierigkeiten die mit
seiner Aufhellung verknüpft sind, jene
menschliche Schwachheit, einen noch dazu
verbesserten Fehler, verzeihlig machten.

Das Geheimnis des Zeugungsgeschäf-
tes endlich einmal aufgeklärt zu sehen, end-
[Seite 4] lich einmal zu erfahren was im innern eines
Geschöpfs vorgeht wenn es von einem An-
dern befruchtet einem Dritten das Leben
geben soll – ist ein Wunsch dessen Befrie-
digung so grosse Folgen fürs Glück der
Menschheit, so vieles Licht über die man-
nigfaltigsten andern Kenntnisse verspricht,
und der schon an sich die Neugierde eines
jeden nachdenkenden Menschen so lebhaft
reizen muß, daß selbst die mindeste neu
geöffnete Aussicht ihr auch nur um einen
Schritt näher zu kommen, gewiß alle Auf-
merksamkeit und weitere Untersuchung ver-
dient.

Unter den zahlreichen Wegen, die man
um zu diesem Aufschluß zu gelangen, seit
den Zeiten des Vaters der Aerzte und des
Vaters der Weltweisen eingeschlagen, ist
derjenige den Joseph de Aromatariis*)
[Seite 5] und Swammerdam*) zu erst geöffnet und
der auf die, bey der Mutter schon vor der
Empfängnis zur Entwickelung vorräthig lie-
genden Keime hinausläuft, in neuern Zeiten
besonders durch die Bemühungen der gros-
sen Männer Haller und Bonnet am gang-
barsten gemacht worden. Und da es in
Vergleich mit den übrigen bis dahin vorge-
schlagenen, keine lange Wahl brauchte ob
man ihm lieber als den übrigen folgen sollte,
so habe auch ich ihn ehedem betreten, und
lange für richtig, und selbst der vielen
darauf unvermeidlichen Anstösse ungeachtet
dennoch für ganz bequem gehalten, bis
mir endlich der Zufall einen andern Ausweg
öffnete, den ich doch erst sorgfältig und
nicht ohne Mistrauen geprüft ehe ich mich
entschliessen konnte die Fußtapfen meiner ehr-
[Seite 6] würdigen Vorgänger würklich zu verlassen
und mich auf ihn zu begeben.

Was mir ausser dem unwiederstehlichen
Wink der Warheit noch diese Trennung von
Haller – dem Manne dessen Schriften
und dessen Briefwechsel ich so unendlich viel
verdanke – erleichtern konnte, ist theils
die Gewißheit, daß auch selbst das Gute,
das irgend in den gegenwärtigen, von sei-
ner Lehre abweichenden Blättern enthalten
seyn mag, doch in so ferne seine gehört
als es lediglich durch Prüfung und wei-
tern Verfolg seiner Untersuchungen veran-
laßt worden, und theils die Ungewißheit,
ob er nicht selbst wol schon auf andre Spu-
ren gekommen und in dem noch nicht be-
kannt gemachten Theil seines lezten Werks*)
[Seite 7] von seiner vorigen Meynung abgegangen
seyn mag. Auf keinen Fall wird aber Hal-
lers Ruhm das mindeste von seinem verdien-
ten Glanz verlieren, wenn Er auch dennoch
die eingewickelten Keime ferner behauptet,
und sich der allmäligen Bildung noch wei-
ter widersetzt haben sollte. So wenig
als es Harvey's und Newton's ewigen
Nachruhm schwächen darf, daß Jener
das Daseyn der Milchgefässe im thierischen
Körper und Dieser die Möglichkeit der far-
benlosen Fernröhren geleugnet hat!

Hingegen benimmt es vielleicht meinen
Blättern in manchen Augen einen Theil
ihres etwanigen Verdienstes, daß sie nicht
sowol als sauererworbene Früchte mühsamer
Untersuchungen, eines tiefen Nachsinnens
und rastlos durchwachter Nächte – als des
günstigen Zufalls und eines ländlichen Zeit-
vertreibs anzusehen sind: und mir nur so-
viel bleibt, daß ich das was mir der Zufall
anboth, ergriffen und weiter verfolgt habe;
[Seite 8] ob ich gleich selbst nur zu lebhaft fühle
wie viel ihnen dem ohngeachtet noch an
einer völlig befriedigenden Vollkommen-
heit abgeht. Aber nur Pallas konnte
gleich ganz gerüstet, und nur aus Jupi-
ters Haupte gebohren werden.


§. 1.
Anlaß zu dieser Untersuchung.

[Seite 9]

Vor ohngefähr drey Jahren, da ich einige
Ferientage auf dem Lande zubrachte, fand ich in
einen Mühlbache eine artige Art grüner Armpo-
lypen, die sich durch einen langgestreckten spin-
delförmigen Körper, und kurze meist steife Arme
von der gemeinen grünen Gattung auszeichneten,
und mit deren Wundern ich meiner Gesellschaft
einen Theil ihrer Zeit vertreiben sollte. Theils
das warme trockene Sommerwetter, noch mehr
aber die dauerhafte Constitution dieser Polypen-
gattung begünstigte die bekannten Reproductions-
versuche die wir damit anstellten, so, daß die
Wiederersetzung gleichsam zusehends von statten
zu gehen schien. Schon den zweyten dritten Tag
[Seite 10] waren den verstümmelten Thieren wieder neue
Arme, Schwänze u. f. w. angewachsen: nur be-
merkten wir immer sehr deutlich, daß die neu er-
gänzten Polypen bey allen reichlichen Futter doch
weit kleiner als vorher waren: und ein verstüm-
melter Rumpf, so wie er die verlohrnen Theile
wieder hervortrieb, auch im gleichen Maaße recht
sichtlich einzukriechen, und kürzer und dünner zu
werden schien u.s.w.*)

Einige Zeit nachdem ich wieder zur Stadt
gekommen war mußte ich einen Menschen besu-
chen, der schon lange am Winddorn krank gele-
gen hatte. Der Schade war über dem Knie,
und offen, und auch die weichen Theile zu einer
[Seite 11] tiefen Grube ausgeeitert. Es besserte sich nach-
her, aber so wie die Lücke im Fleisch nach und
nach wieder mit Gallerte oder Narbe angefüllt
wurde, so senkte sich auch*) das benachbarte ge-
sunde Fleisch im gleichen Grade allgemach nie-
der, schien gleichsam zu schwinden, so daß end-
lich die Narbe in der Grube und das Fleisch am
Rande derselben einander fast gleich stunden, und
jene nur noch eine breite aber ziemlich flache
Delle machten. Also mutatis mutandis der gleiche
Fall wie bey meinen grünen Polypen aus dem
Mühlgraben.

§. 2.
Schlußfolge dieser Untersuchung.

Ich habe seit den paar Jahren einen grossen
Theil meiner Muse auf die weitere Untersuchung
[Seite 12] dieser damaligen analogen Erfahrungen verwandt,
von deren Erfolg die gegenwärtigen Bogen einige
Resultate enthalten, die sich doch am Ende alle
dahin vereinen:

Daß in allen belebten Geschöpfen vom
Menschen bis zur Made und von
der Ceder zum Schimmel herab, ein
besondrer, eingebohrner, Lebenslang
thätiger würksamer Trieb liegt, ihre
bestimmte Gestalt anfangs anzunehmen,
dann zu erhalten, und wenn sie ja zer-
stört worden, wo möglich wieder her-
zustellen.

Ein Trieb (oder Tendenz oder Bestreben,
wie mans nur nennen will) der sowol
von den allgemeinen Eigenschaften der
Körper überhaupt, als auch von den
übrigen eigenthümlichen Kräften der
organisirten Körper ins besondre,
[Seite 13] gänzlich verschieden ist; der eine der er-
sten Ursachen aller Generation, Nutrition
und Reproduction zu seyn scheint,
und den ich hier um aller Misdeutung
zuvorzukommen, und um ihn von den
andern Naturkräften zu unterscheiden,
mit dem Namen des Bildungs-Triebes
(Nisus formativus) belege.

§. 3.
Warnung für qui pro quo.

Da man neuerlich schon scharfsichtig genug
worden ist, den Blutumlauf im Prediger Sa-
lomo, und die Irritabilität im Homerus beschrie-
ben zu finden, so müßte es folgends nicht gut
seyn, wenn sich nicht auch zur Noth der ganze
Nisus formativus, aus allen den Werken über die
Generation, die seit zwey tausend Jahren ge-
schrieben und nun zusammen zu keiner gar klei-
[Seite 14] nen Bibliothek angeschwollen sind, sollte heraus-
deuten lassen. Doch muß ich auf diesen Fall nur
warnen, daß man ja nicht etwa diesen Trieb
mit der vis plastica, oder mit der vis essentialis
oder gar mit den chimischen Fermentationen und
der blinden Expansion, oder andern blos mecha-
nischen Kräften die einige zum Zeugungsgeschäfte
angenommen haben, vermenge.

§. 4.
Besonders für Vermengung des Bil-
dungstriebes mit der vis plastica.

Denn würklich scheint man zuweilen in einem
ganz unbeschränkt weitläuftigen Sinn, alle Zeu-
gungslehren die von der Evolution der Keime
abweichen, unter den allgemeinen Namen von vis
plastica
ohne Unterschied begriffen zu haben. So
hat H. Spallanzani des Needhams vegetirende
Kraft, und so haben andre berühmte Männer
des H. Wolf vis essentialis mit der vis plastica für
[Seite 15] einerley gehalten: ob gleich alle diese drey Lehren
schon untereinander, geschweige von dem hier
vorgetragenen Bildungstrieb sehr auffallend dif-
feriren. Beym Lichte besehn scheint vis plastica
bey vielen ältern Schriftstellern ein leeres Wort
für eine qualitas occulta zu seyn. Den bestimmtesten
Begriff giebt doch noch Franz Bonamico der
bekannte Aristoteliker, mit folgenden Worten.*)
‘„Der Geist der in der luftigen Substanz des
Saamens begriffen, von himmlischer Wärme
aber beduftet (oder besprengt) ist, und durch
die Kraft die er vom Vater empfängt, so
[Seite 16] wie auch durch die, so ihm von Himmel mitge-
theilet ist, in die weibliche Gebärmutter gebracht
wird, kocht die Materien die von der Mut-
ter dahin gegossen worden, und indem er sie
nach ihrer Art verschiedentlich behandelt,
macht er Werkzeuge. So lange er diese ver-
fertigt, heist er die ausbildende oder aus-
würkende Kraft. Aber wenn nun die Werk-
zeuge fertig sind, daß er sich ihrer bedienen
kan, so artet das was vorher bildende
Kraft war, indem es sich ihrer bedient, in
die Seele aus.“’ Bey andern Schriftstellern
sind die Vorstellungen von dieser plastischen Kraft
noch ungleich schwankender, und fast nur in dem
miteinander übereinstimmend (was schon an sich
alle vis plastica vom Bildungstrieb gänzlich un-
terscheidet) daß sie dieselbe so wie in der angeführ-
ten Stelle als eine vis temporaria blos auf die
Empfängnis und erste Bildung der Hauptorgane
der neuen Frucht einschränken.

§. 5.
oder mit der vis essentialis.

[Seite 17]

Der Unterschied des Bildungstriebes von der
sogenannten wesentlichen Kraft (vis essentialis)
ist leichter zu übersehn, da man nur gleich den
Begriff den ihr berühmter Erfinder*) davon fest-
setzt, mit dem den wir oben von jenem Triebe
gegeben haben, zu vergleichen braucht. Hier sind
seine Worte: ‘„Sie ist diejenige Kraft, durch
welche in den vegetabilischen Körpern alles
dasjenige ausgerichtet wird, weswegen wir
ihnen ein Leben zuschreiben; und aus diesem
Grunde habe ich sie die wesentliche Kraft
dieser Körper genannt; weil nemlich eine
Pflanze aufhören würde, eine Pflanze zu
seyn, wenn ihr diese Kraft genommen würde.
[Seite 18] In den Thieren findet sie eben so wohl statt
wie in den Pflanzen, und alles dasjenige,
was die Thiere mit den Pflanzen gemein ha-
ben, hängt lediglich von dieser Kraft ab.“’

§. 6.
Hauptzweck dieser Schrift.

Aber überhaupt ist es hier schlechterdings we-
der um den Namen, noch um den blossen Er-
weis der Existenz des Bildungstriebes, sondern,
seiner Würde und seines allgemeinen grossen An-
theils den er an der Belebung der ganzen Schö-
pfung hat, zu thun.

§. 7.
Aehnlichkeit unter Zeugung, Ernäh-
rung und Wiederersetzung.

Eine Wahrheit die man den diesen Untersu-
chungen nie aus den Augen verliehren darf, und
deren Vernachlässigung schon oft ihren glücklichen
[Seite 19] Fortgang gehemmt haben mag, ist die, daß schlech-
terdings Zeugung, Ernährung und Wiederer-
setzung im Grunde blosse Modificationen einer
und eben derselben Kraft sind, die im ersten Fall
baut, im andern unterhält, im dritten repa-
rirt! mit andern Worten: Nutrition ist eine
allgemeine, aber unmerklich continuirte –, Re-
production hingegen, eine wiederholte aber nur
partielle Generation. Ein Licht über eine von
diesen dreyen verbreitet, würde zuverlässig auch
die andern beiden zugleich erhellen.

§. 8.
Verschiedenheit unter ihnen.

Im wesentlichen kommen alle die drey ge-
nannten Geschäfte mit einander überein: der
Bildungstrieb hat an allen dreyen gleich starken
Antheil: Nur der Anlaß der diesen Trieb in
Würksamkeit setzt, und die Weise wie sich seine
[Seite 20] Würkung äussert, sind in zufälligen Umständen
verschieden.

§. 9.
Die Zeugung ins besondre.

Bey der eigentlich sogenannten Erzeugung
wird z.B. ein bestimmtes reiferes Alter, gehörige
Beschaffenheit der Zeugungswerkzeuge und Zeu-
gungssäfte, des väterlichen Saamens, vorausge-
setzt, aus welchen sich der künftige Mensch, das
junge Thier oder die neue Pflanze bilden sollen:
so daß man sich zur Existenz eines jeden solchen
organisirten Körpers, Eltern, Großeltern, und
so bis zur ersten Schöpfung hinauf lauter ähn-
liche Vorfahren denken muß, ohne die das neue
Geschöpf schlechterdings nicht zu seiner Entstehung
hätte gelangen können.

§. 10.
Die Zeugung ohne Saamen (Generatio
aequivoca
.)

[Seite 21]

Zwar hat es ehedem eine Zeit gegeben wo
man diese Fortpflanzungsart für nicht so schlech-
terdings nothwendig gehalten hat: wo man nicht
eben zur Entstehung der Flöhe andre Flöhe, der
Krebse andre Krebse, und der Mäuse andre
Mäuse voraussetzte: sondern wo man auch Flöhe
aus Urin und Sägespänen, Krebse aus faulen
Kalbfleisch, und Mäuse aus Schlamm und al-
lerhand Unflath hervorbringen zu können meynte.
Diese Generatio aequivoca war weiland eine
erwünschte Freystatt der Unwissenheit, und eine
Quelle und Stütze aller ersinnlichen Arten von
Aberglauben. Es ist aber schon lange, daß man
sie gestürzt und seitdem fast immer nur so wie
die Hexenfahrten und Wünschelruthe, zum An-
denken jener Finsternis und zum stillen Triumph
unsrer erleuchteten Zeiten genannt hat.

§. 11.
Sie ist einzuschränken.

[Seite 22]

Inzwischen scheint es doch fast als wenn jene
freylich gar zu abentheuerlichen Einbildungen
des scholastischen Stumpfsinns die nachherigen
unendlich aufgeklärtern Naturforscher wiederum
allzuweit verleitet haben, und als ob doch wol
bald eine Zeit kommen dürfte, in der man frey-
lich jene sogenannte Zeugung aus Fäulnis in ihre
sehr engen Schranken zurückweisen, aber auch
bey der dagegen allzu zuversichtlich behaupteten
Allgemeinheit der Fortpflanzung aus väterlichen
Saamen, allerdings wol einige billige Ausnahmen
zugestehen würde.

§. 12.
Aber nicht ganz zu verwerfen.

Zuverlässig giebt es doch Erscheinungen in der
Geschichte der organisirten Körper, bey deren
[Seite 23] Aufklärung uns diese eigentlich sogenannte Fort-
pflanzung offenbar verläßt, und wobey man mit
ungleich grösserer Wahrscheinlichkeit wieder zu
einer Art von Zeugung ohne Saamen Generatio
aequivoca
(oder spontanea) wird zurückgehen und
zugeben müssen, daß allerdings wol zuweilen al-
lerhand Säfte durch eine besondre Art von Gäh-
rung oder Fäulnis einen Bildungstrieb erhalten,
und zu mancherley, freylich einfachen, oder wenn
man will, unvollkommenen Vegetationen, auf-
schiessen.

§. 13.
Ein Beyspiel dieser Art von Zeugung.

Nur eine solche Vegetation statt vieler anzu-
führen, und zwar nicht blos Schimmel und Mo-
der, wobey sich die Feinde der Generatio aequi-
voca
doch noch immer mit unsichtbaren Luftsaa-
men und dergleichen Spitzfindigkeiten durchschla-
gen könnten, sondern ein wahres Gewächs, an
[Seite 24] Consistenz und Farbe andern vollkommenen Pflan-
zen gleich, und doch weder von seines gleichen
gezeugt, noch auch selbst je zur Fortpflanzung
geschickt – nemlich die Ausschüsse die an aller-
hand Pflanzen durch den blossen Stich der Gall-
wespen verursacht werden, vorzüglich die soge-
nannten Schlafäpfel oder Bedeguar*) an den
wilden Rosenstöcken. Dieß sind keine zufälligen
Auswüchse oder Monstrositäten, sondern bestimmte
regelmässige Gewächse die zu Absichten abzwecken:
die aber von der andern Seite doch eben so we-
nig ähnliches mit dem Rosenstock auf dem sie
wachsen, als Mistel und andre Schmarozerpflan-
zen mit den Bäumen worauf sie sich finden,
haben.**)

§. 14.
Wobey uns die präformirten Keime
verlassen.

[Seite 25]

Ich sehe nicht ab wie die Vertheidiger der
präformirten Keime die Entstehung solcher Ve-
getationen erklären wollen. Doch wol nicht so,
daß sie in allen Aesten und Blättern aller Rosen-
stöcke der Welt auch überall eingewickelte Keime
für unzählige Schlafäpfel annähmen, die alle
aufs geradewol nur gleichsam blos auf Reserve
in ihren ewigen Schlaf hier versenkt lägen, bis
endlich das tausendmal tausendste von ihnen
durch den wohlthätigen Stachel eines hinzuflie-
genden Cynips aus seinem Kerker befreyt und
zur Entwickelung angetrieben würde. – –

§. 15.
Aber der Bildungstrieb aushilft.

Hingegen fürchte ich nicht, daß man es ab-
geschmackt finden werde anzunehmen, daß in
[Seite 26] dem wuchernden Saft der noch dem Stich des
Insects heraustritt, durch die Verwundung,*)
durch die zugleich in ihn gelegten Eyer und an-
dre Veränderungen, ein Bildungstrieb erregt
werden könne der diesen Saft zum Schlafapfel
formt, so wie hingegen nach jeder wahren Be-
fruchtung der Zeugungssaft durch einen solchen
Trieb zum neuen Thiere oder zur neuen Pflanze
gebildet, und dadurch die eigentliche Fortpflan-
zung bewirkt wird.

§. 16.
Die Hauptstütze der Vertheidiger der
mütterlichen Keime wird beleuchtet.

Doch es wird sich gleich zeigen, daß die
Schlafäpfel dem System der eingeschachtelten
[Seite 27] Keime von mehr als einer Seite gefährlich wer-
den. Bekanntlich haben seine muthigsten Verfech-
ter eine Bemerkung des Herrn von Haller über
das bebrütete Küchelgen im Ey zu ihrer Haupt-
stütze gemacht, und ihr mehr Festigkeit zuge-
schrieben als wol ihr eigner behutsamer Erfinder,
wie es mir vorkommt in sie zu setzen gewagt
hat.*) ‘„Jedermann weis“’ sagen sie, ‘„daß die
Dottern im Eyerstocke einer Henne befindlich
sind, wenn diese auch gleich noch von keinem
Hahn getreten worden oder nur ein männlich
Thier ihrer Art gesehn hat. Nun aber zeigt
sich bey bebrüteten Eyern, daß das junge Hün-
chen unzertrennlich mit seinem Eydotter verbun-
den ist. Die Häute des Hünchen und seine
[Seite 28] Adern hängen ununterbrochen mit den Häuten und
Adern des Dotters zusammen, beide machen so
sehr ein ganzes aus, daß sich das eine nicht ohne
das andere denken läßt. Und da nun der Dot-
ter vor der Befruchtung bey der Mutter vor-
räthig gelegen hat, so muß auch der obschon
unsichtbare Keim des künftigen Küchelchen, als
ein unzertrennlicher Theil des Dotters zugleich
mit ihm präexistirt haben.“’

§. 17.
Aber schwach befunden.

Diese Demonstration hat ein so natürliches
einfaches und unverdächtiges Ansehen, daß ich
selbst mich lange davon habe einnehmen lassen,
ehe ich ihren Ungrund zu argwohnen wagte, von
dem mich nun reifere und ganz präjudizlose
Beobachtungen immermehr überführt haben.

Allerdings wird zwar der Dotter im Eyerstock
von einer gefäsreichen adrigen Haut umschlossen,
[Seite 29] die auch bey gekochten Hünern und bey unge-
legten Dottern in den Suppen nicht zu verken-
nen ist. Und eben so gewiß wird auch der Dot-
ter im bebrüteten Ey von Häuten und Blutge-
fässen überzogen die aus dem Unterleibe des
Küchelgen in der Nabelgegend entspringen. Aber,
jene vormaligen Adern im Eyerstocke und diese
nachherigen im bebrüteten Ey haben schlechter-
dings nicht die allermindeste entfernteste Verbin-
dung unter einander, geschweige daß sie etwa
einerley seyn sollten! Wenn ein Dotter im Eyer-
stock der Henne zu seiner Reife gediehen ist, so
platzt die ihn umschliessende Haut, läßt ihn in
die eigentliche Gebärmutter hinabfallen – sie
selbst aber und ihre Gefässe bleiben so wie sie
am Eyerstock fest gewachsen sind, zurück.*) In
[Seite 30] einem gelegten frischem Eye ist nicht der kleinste
Blutstropfen und selbst in den ersten Tagen des
Bebrütens noch nicht die geringste Spur eines
Blutgefässes im Eye zu finden! Erst am vierten oder
fünften Tage treten aus dem Nabel des wäh-
render Zeit schon merklich ausgebildeten neuen
Hünchens auch neue Häute und neue Blutgefässe
heraus die sich immer mehr über den Dotter aus-
breiten, und ihn gleichsam auffassen und in die
Gedärme des kleinen Thiers zu seiner Ernährung
allgemach hinüber treiben sollen.

§. 18.
Und durch das Beyspiel der Schlafäpfel
noch mehr entkräftet.

Nie unbegreiflich aber der Schluß wäre wenn
man aus der Fortsetzung und Verbreitung der Gefässe
und Häute des Hünchens über dem Dotter, die
Praexistenz des erstern im leztern vor der Be-
fruchtung behaupten wollte, können die gemeinen
[Seite 31] und uns hier doch so nutzbaren Schlafäpfel sehr
sinnlich erweisen. Die Rinde des Rosenstocks
überzieht auch diese ganzen moosartigen aber
zufällig erzeugten Gewächse und wenn man
frische oder einige Tage lang eingeweichte Schlaf-
äpfel mit samt dem Aste an dem sie sitzen mit-
ten durch schneidet, so zeigt sich der Uebergang
der holzigten Gefässe des Rosenstocks in den hol-
zichten Kern des Bedeguar aufs sichtlichste und
zuweilen mit einer ausnehmenden Eleganz.

Sollen darum alle diese zufälligen Producte
einer kleinen Mücke in allen Theilen aller Ro-
senstöcke der Welt präexistiren – –?

§. 19.
Die Saamenthierchen.

Die zweyte Evolutionstheorie, da man nem-
lich die Keime der organisirten Körper nicht in
die mütterlichen Eyer sondern in den männli-
[Seite 32] chen Saamen setzt, ist nicht nur so sehr weit
von allem nur leidlichen Schein der Wahrschein-
lichkeit entfernt, sondern auch mit so gar wenigen
Scharfsinn ausgedacht, daß es sich kaum der
Mühe verlohnt sich bey ihr zu verweilen. Ich
begreife zwar nicht wie Naturforscher und Physio-
logen von Profession den Saamenthierchen die will-
kürliche Bewegung und überhaupt die Animalität
haben absprechen können: aber noch weit unbe-
greiflicher ist es, wie andre Männer diese in
einem stagnirenden alkalescirenden thierischen
Safte nothwendig zu erwartenden Würmgen zu
beseelten Keimen künftiger Menschen und Thiere
haben hinaufwürdigen und erheben dürfen.

§. 20.
Nur ein paar beyläufige Einwürfe ge-
gen ihre vermeynte Würde.

Ohne die längst bekannten, aber nie nur
leidlich gehobnen Zweifel zu wiederholen, die
[Seite 33] sich gegen eine so seltsame Behauptung empören,
so begnüge ich mich hier mir einige mir beyläu-
fig aufgestossene ganz populäre Bedenklichkeiten
hinzuzusetzen, die doch auch unkundigen Lesern
die vorgegebne Würde der Saamenthiergen sehr
verdächtig machen und dieselbe immer tiefer herab-
setzen müssen.

Fürs erste geben die verschiedenen Microgra-
phen die Gestalt der Würmgen im Saamen von
einer und eben derselben Gattung Thiere, so sehr
verschieden an, daß man bey näherer Verglei-
chung verlegen wird ob sie auch würklich von einer-
ley Geschöpfen reden? Wer z.B. nur die Abbil-
dungen der menschlichen Saamenthierchen bey
Leeuwenhök, Hartzöker, Lieberkühn, Spal-
lanzani und bey H von Gleichen zusammen hält,
der wird sich schwerlich überreden können, daß
fünferley so ganz von einander abweichende Figu-
ren, nur Thiere von einerley Geschlecht geschweige
[Seite 34] von einer und eben derselben Gattung vorstellen
sollen! Und doch ist bekanntlich die Gestalt dieser
Würmgen so sehr einfach, daß sich die Schuld
der Abweichung gewiß nicht auf die Ungeschicklich-
keit der Zeichner schieben läßt. Ueberdem haben
aber so gar die gleichen Beobachter die Gestalt
der Saamenwürmgen von einerley Gattung von
Thieren dennoch unter ganz verschiedner Gestalt
abgebildet wie schon aus der Vergleichung von
Leeuwenhöks differenten Figuren in seinen ver-
schiednen Werken erhellet.

Eben so verdächtig ist es ferner, daß oft die
Würmchen im Saamen der nächstverwandten
Thiere in ihrer Bildung so gänzlich von einan-
der verschieden und andre von den unähnlichsten
Thieren einander so auffallend ähnlich sind! Es
kan kaum eine grössere Unähnlichkeit geben als
die zwischen den Saamenthiergen des Frosches
beym Hrn. von Gleichen und denen vom Was-
[Seite 35] sermolch bey H. Spallanzani. Hingegen kan
die Aehnlichkeit zwischen zwey Wassertropfen nicht
täuschender seyn als die zwischen den Saamen-
thiergen des Menschen und des Esels in den
Kupfern des erstern von jenen beiden Beobachtern.

Eben dieser neuerliche Verfechter der Würde
der Saamenthiergen hat beym Frosche gar zweyer-
ley Arten dieser Würmgen zugleich im gleichen
Tropfen gesehn – und doch sind wiederum beide
von derjenigen Gattung die Rösel im Froschsaa-
men gesehn gleich weit verschieden! und jene ha-
ben sich noch dazu in den Nieren so gut wie in
den Saamenbläsgen gefunden etc. etc. etc.

Lauter Erscheinungen die die zufällige Unbe-
stimmtheit dieser fremden Gäste des männlichen
Saamens so unwiderredlich erweisen und die ih-
nen aufgedrungene Würde so ganz vernichten, daß
man wenigstens eben so leicht hoffen darf mit
[Seite 36] Paracelsus*) und dem Mahler Gautier**) aus
blossen männlichen Saamen einen vollkommnen
menschlichen Embryo hervorzubringen als ihn mit
[Seite 37] dem berühmten Academisten Hartzöker*) in jedem
menschlichen Saamenthiergen völlig schon so wie
nachher in Mutterleibe krumm zusammengebogen
sitzen zu sehen.

§. 21.
Die Panspermie.

Eine dritte Art von Evolutionstheorie endlich,
die sogenannte Panspermie da man nemlich geglaubt
hat, alle Keime aller Menschen, Thiere und Pflan-
zen der ganzen Erde seyen zwar auch bey der er-
sten Schöpfung zugleich mit einem male hervor-
gebracht, aber nicht wie nach den obigen beiden
Lehren, so, daß die ganze Nachkommenschaft bis
ans Ende der Welt entweder in den weiblichen oder
männlichen Zeugungstheilen der neuerschaffenen
[Seite 38] organisirten Körper gleichsam wie eingepackte
Schachteln in einander gesteckt hätten, sondern, so
daß sie alle einzeln auf und in die ganze Erde
verbreitet und zerstreuet worden, wo sie nun so-
lange rumschwärmten bis jeder solche Keim die
Zeugungstheile eines seiner schon entwickelten
Brüder von seiner Gattung anträfe, in ihnen
gleichsam Wurzel schlagen, seine bisherige Hülle
abwerfen und nun selbst zur Entwickelung ge-
langen könnte. Diese Theorie hat ausser dem (hier
freylich am wenigsten blendenden) Ansehen des
Hippocrates so schlechterdings nichts vor sich,
sondern ist so ganz blos aus den abentheuerlichsten
willkürlichsten Voraussetzungen aufgebaut, daß
man nicht absieht was für irgend eine Hypo-
these man sich als unwahrscheinlich versagen dürfte
wenn man sich eine solche wie die Panspermie
erlauben wollte. Ueberdem wird die sehr geringe
Anzahl von Physiologen die ihr etwa beygepflich-
[Seite 39] tet, und das gar wenige Aufsehn das sie über-
haupt verursacht, es um so viel verzeihlicher ma-
chen, wenn ich ihren Ungrund nicht umständli-
chauseinander setze.

§. 22.
Nähere Prüfung und Bestimmung des
Bildungstriebes.

Ich schreite vielmehr zu einer nähern Unter-
suchung der vorzüglichsten Erscheinungen des Zeu-
gungsgeschäftes, die sich alle ohne den mindesten
Zwang durch die Würkungen des Bildungstrie-
bes erklären lassen, so wie umgekehrt unter allen
den scheinbaren Einwürfen die mir selbst bey die-
ser Untersuchung beygefallen sind, dennoch kei-
ner befindlich ist, der sich nicht bey einer nähern
Beleuchtung sehr füglich damit vergleichen lassen
sollte.

§. 23.
Die erste Spur des neuen organisirten
Körpers zeigt sich erst geraume Zeit nach
der vorgegangenen Befruchtung.

[Seite 40]

Es ist eine durchgehends bestätigte Erfahrung,
daß sich auch dem bewaffentsten Auge doch nie so-
gleich – sondern immer erst eine geraume,
zum Theil beträchtlich lange Zeit, nach der Be-
fruchtung die erste Spur des neuempfangenen
Menschen oder Thiers oder Gewächses zeigt. Es
verlohnt sich nicht der Mühe, jetzt noch die fa-
belhaften Sagen des Hippocrates und so vieler
nachheriger guten Alten zu rügen, die in den
ersten Tagen nach der Empfängnis schon völlig
kenntliche ausgebildete menschliche Leibesfrüchte
gesehen zu haben meynten. Sie werden bey
den wenigen Hülfsmitteln und Erfahrungen jener
Männer um so verzeihlicher wenn man bedenkt,
daß selbst neuere, und in diesem Theil der Phy-
[Seite 41] siologie ungleich aufgeklärtere Aerzte, wie z.B.
der Dr. Croune schon im unbebrüteten Ey*) einer
getretnen Henne, ja so gar in Windeyern**)
von Hünern denen sich noch nie ein Hahn ge-
naht hatte, das Küchelgen und seine Glied-
masen gesehn zu haben behaupten konnten!
Kein vorsichtiger und zuverlässiger Beobachter
wird vor der dritten Woche der Schwanger-
schaft einen ungezweifelt wahren Embryo, oder
im bebrüteten Hünerey in den ersten zwölf Stun-
den auch nur eine dunkle, und vor Ende des
zweyten Tags eine deutliche Spur des Küchel-
gens gesehn haben. Vor diesem, einer jeden
Gattung von Thieren und Gewächsen von
der Natur auf längere oder kürzere Zeit vorge-
schriebenem Termin ist schlechterdings ihre neu-
[Seite 42] empfangene Brut nicht zuverlässig zu erkennen:
ein Umstand, der bey der Vollkommenheit unse-
rer Vergrösserungsgläser und andrer mechani-
schen Hülfsmittel und Handgriffe, den präfor-
mirten Keimen nichts weniger als günstig seyn
kan – – der sich hingegen von selbst erklärt
so bald man annimmt, daß die väterlichen und
mütterlichen zur Zeugung bestimmten Säfte,
dieser rohe Stoff des künftigen neuen Geschöpfs
eine bestimmte Vorbereitungszeit zu ihrer Mi-
schung und innigen Verbindung und andern
nothwendigen Veränderungen, mit einem Wort
zu ihrer Reife brauchen, ehe der Bildungstrieb
in ihnen erregt werden und die Formation
des bis dahin ungeformten Stoffs beginnen
kan.

§. 24.
Aber dann erfolgt auch gleich mit dem
ersten Anfang die Ausbildung aufs
schnellste.

[Seite 43]

So ausgemacht es aber ist, daß es immer
eine bestimmte Zeit braucht bevor sich die erste
Spur der neuempfangnen Frucht zeigen kan,
eben so ausgemacht ist es hingegen, daß auch
sogleich nach Verlauf dieser Zeit die Ausbildung
derselben zum Erstaunen schnell und eiligst vor
sich geht: so, daß sogar ihr zunehmendes Alter
und ihr zunehmendes Wachsthum in umgekehr-
ten Verhältnis stehn, und sie desto schleuniger
beides an Grösse und an vollkommener Bildung
zunimmt je näher sie noch ihrem ersten Ursprung
ist: desto langsamer hingegen, je mehr sie von
ihm entfernt wird und sich ihrer Geburtszeit oder
überhaupt ihrer vollkommnern Reife nähert.

[Seite 44] Insgemein werden zwar die frühzeitigen
menschlichen Embryonen sehr unförmlich abge-
bildet: allein die Schuld mag wol mehr an den
Zeichnern oder auch daran liegen, daß dergleichen
Abortus etwa äussere Gewalt erlitten, verdruckt,
entstellt und unkenntlich worden, oder schon an-
gefangen in Fäulnis zu gehn, und dadurch viel
von der ausnehmenden Eleganz verlohren ha-
ben, die man sonst an ihnen bewundern muß.
Ich habe noch kürzlich einige so ganz ungemein
saubere menschliche Leibesfrüchte aus den ersten
Monaten der Schwangerschaft von der Güte mei-
nes verehrungswürdigen Freundes des H. Hof-
rath Büchner in Gotha erhalten, wo man selbst
bey einer aus der fünften Woche und von der
Grösse einer gemeinen Werkbiene, die völli-
gen Gesichtszüge, jede Fingerspitze, jede Fus-
zehe, die Geburtsglieder u.s.w. schon aufs deut-
lichste erkennen kan.

[Seite 45] Und eben diese so frühzeitige Würksamkeit
des Bildungstriebes erstreckt sich bey weiten
nicht blos auf die äussere Gestalt der Embryonen
sondern ist in ihren ganzen innern Bau fast noch
auffallender merklich. Ich bin über die frühzeitige
Vollkommenheit der Eingeweide u.a. Theile er-
staunt die ich bey der Zergliederung frischer mensch-
licher Leibesfrüchte aus den ersten Monaten nach
der Empfängnis, gefunden habe. Nur einen Um-
stand anzuführen, so war im Kopf derselben der
ohngefähr die Grösse einer Zuckererbse hatte,
und dessen Gehirn noch wie ein weicher Brey
war, schon der ganze knorplichte Boden der
Hirnhöle (basis eranii) mit allen seinen Gruben,
Oeffnungen und Hügeln aufs schärfste und deut-
lichste ausgewürkt, obgleich weder am Wespen-
bein, noch am Felsenbein etc. auch nur die
mindeste Spur eines Knochenkerns zu finden
war.

[Seite 46] So wenig nun bey Voraussetzung der prä-
formirten Keime abzusehen ist, was sie so lange
Zeit, nachdem sie an den Ort ihrer Bestimmung
angelangt, befruchtet und zur Entwickelung an-
gereizt sind, demohngeachtet davon zurück halten
kan; eben so wenig steht zu begreifen, warum
sie nun nach dieser räzelhaften Pause mit einem-
mal so plözlich und gleich zu einer so ansehn-
lichen Grösse sich auswickeln sollen u.s.w. Hin-
gegen hat es nach dem was ich von der nöthi-
gen Vorbereitung der Zeugungssäfte bevor der
Bildungstrieb in ihnen rege werden kan, ge-
sagt habe, nichts schwieriges, daß alsdenn dieser
neu erregte Trieb in seiner vollen Stärke, in aller
seiner noch ungetheilten noch ungeschwächten
Thätigkeit die Grundlage der Bildung des neuen
Geschöpfs eben so schnell bewirken kan.

§. 25.
Beobachtung einer sehr sinnlich sichtba-
ren Wirkung des Bildungstriebes.

[Seite 47]

Doch ist das Gewicht aller solcher Vernunft-
schlüsse mit demjenigen bey weiten in keinen
Vergleich zu setzen das der Bildungstrieb durch
Beobachtung der Natur und der Erscheinungen
des Zeugungsgeschäftes selbst, erhält, und wovon
ich hier zum Beyspiel nur eine Erfahrung an-
führen will, die ich zuerst im vorigen Februar
angestellt*) und die sich eben so sehr durch ihr
Interesse als durch ihre untrügliche Simplicität
und durch die Leichtigkeit empfielt mit der sie
auch von den ungeübtesten Händen geprüft
und wiederholt werden kan.

Sie betrift die überaus einfache Fortpflan-
zungsart eines eben so einfachen Gewächses,
[Seite 48] nemlich einer Gattung Wasserfaden, die H.
von Haller Conferua cespitosa filis vndique diuer-
gentibus
nennt; die im Linneischen System den
Trivialnahmen Brunnenconferve (C. fontinalis)
führt; und deren sich doch auch unkündige Leser
gar leicht schon aus der blossen Beschreibung
werden erinnern und sie darnach aufsuchen können.

§. 26.
Beschreibung der Brunnenconferve.

Das ganze Gewächs besteht blos aus einem
einfachen (nie getheilten) meist geraden, ohnge-
fähr einen halben Zoll langen, überaus feinen
aber ziemlich festen Faden von schöner hellgrüner
Farbe, der gewöhnlich mit seinem untern Ende
im Schlamm eingewurzelt ist. Da aber diese Fä-
den meist zu vielen tausenden dicht neben einan-
der stehen, so kriegen sie dann zusammen das An-
sehen eines feinhaarigen Pelzes, der sich zumal
[Seite 49] im Frühjahr gar häufig am Ausfluß der Röhren-
wasser, an Quellen, in Gräben, Teichen u.s.w.
findet; und der wenn er aus dem Wasser gezo-
gen wird, und die Fäden sich niederlegen, schwarz-
grün, schlüpfrigglatt und fast wie ein nasses
Mausefell aussieht.

Dieses pelzichte Moos dient einer Menge
Wasserthiergen, besonders auch den ausnehmend
schön gezeichneten kleinen Regenwürmern die seit
36 Jahren durch den Forschungsgeist des würdi-
gen Bonnet – so wie Er durch sie – berühmt
worden, und mancherley Blumenpolypen, zum
Aufenthalt: und eigentlich war es dieser Thiere
wegen, daß ich einige Klumpen solcher Brunnen-
conferve in Zuckergläsern untersuchte, und gele-
gentlich an ihnen selbst die artige Erscheinung
entdeckte, von der gegenwärtig die Rede ist.

§. 27.
und ihrer Fortpflanzungsweise.

[Seite 50]

Ich bemerkte nemlich, daß ein Stück dieses
Moospelzes das ich schon einige Tage im Glase
gehabt hatte, nach und nach hin und wieder auf
der äussersten Oberfläche wie mit einem dunkel-
grünen Staube bepudert schien, und daß, wie
ich nach genauer Untersuchung gewahr wurde,
dieß die ungemein sonderbare Fortpflanzungsweise
dieses Mooses sey.

Die Spitze eines solchen Fadens schwillt nem-
lich zu einem kleinen eyförmigen Knöpfgen auf,
das sich nach einiger Zeit vom Faden trennt, sich
am nächsten liebsten Orte festsetzt, und nun in
kurzem selbst wieder eine kleine Spitze austrei-
bet die sich fast zusehends immer mehr verlängert,
bis sie endlich zu einem neuen vollständigen Was-
serfaden aufgewachsen ist.

[Seite 51] Binnen zweymahl 24 Stunden, von der er-
sten Spur eines Knöpfgens auf der Spitze eines
alten Faden an zu rechnen, hatte der nachher
daraus erwachsene neue schon seine völlige Länge
erreicht.

§. 28.
Ihr Vorzug zur gegenwärtigen Un-
tersuchung.

Beides sowol das schnelle Wachsthum, als
auch die durchsichtige Textur des Gewächses ver-
schafften mir den Vortheil seine völlige Ausbil-
dung ganz unter meinen Augen abwarten und
penetriren zu können.

Der innere Bau dieses Mooses ist nemlich
so einfach als seine äussere Bildung. Auch bey
der stärksten Vergrösserung und im hellsten
Lichte ist in der ganzen Pflanze schlechterdings
nichts weiter als ein feines bläsriges Ge-
webe, beynah wie ein grüner Gescht oder
[Seite 52] Schaum*) zu erkennen, das durch eine äusserst
feine kaum merkliche äussere Haut umschlossen
wird.

Die Farbe der Fäden ist hellgrün, etwa wie
Chrysolith: der eyförmigen Knöpfgen ihre hin-
gegen, wegen der beträchtlichern Dicke, etwas
dunkler, ohngefähr wie Smaragd: in beiden Fäl-
len aber eben so durchsichtig als die genannten
Edelsteine, so daß ich mit Hülfe des Wilsonischen
einfachen Vergrösserungsglases und eines dabey
angebrachten Erhellungsspiegels, das ganze Ge-
[Seite 53] wächs, während des völligen Fortgangs seiner
Ausbildung so gut als einen Thautropfen ganz
durchschauen und die mindeste in seinem innern
vorgehende Veränderung aufs genauste und deut-
lichste bemerken konnte.

§. 29.
und deren Erfolg.

Nun aber war bey aller dieser untrüglichen
Deutlichkeit, in allen den unzäligen eyförmigen
Knöpfgen, die ich selbst und auf meine Bitte
mehrere im Gebrauch der Vergrösserungsgläser
sehr geübte Männer (namentlich die Hrn. Pro-
fessoren Büttner und Lichtenberg) deshalb un-
tersucht, auch nicht eine Spur nicht ein Schat-
ten irgend eines präformirten Keims, eines sol-
chen eingewickelten Fadens als in kurzem aus die-
sem Knöpfgen gebildet werten sollte, aufzufin-
den –: sondern –

[Seite 54] Wenn jetzt der Knopf seine Reife erlangt
hatte, so trieb er aus einem seiner beiden En-
den*) einen kleinen Auswuchs hervor, der blos
dadurch zusehends verlängert ward, daß das im
Knopf ihm zunächstliegende bläsrige Gewebe in
ihn hinüber getrieben und er so nach und nach
immer mehr zu einem cylindrischen Faden ausge-
dehnt wurde.

So wie aber dieser Faden sich verlängerte, so
ward im gleichen Maasse der eyförmige Knopf
kleiner, kuglichter, blaßgrüner –: so, daß zu-
letzt, wenn das Gewächs nun seine bestimmte
Grösse erreicht hatte, nur noch ein kaum merk-
licher kleiner Wulst am untern Ende übrig blieb;
der so wie er Anfangs gleichsam die Frucht am
[Seite 55] alten Faden vorgestellt hatte, nun dem Neuen
statt Wurzel diente.

§. 30.
Die Bildung der organisirten Körper ist
weit bestimmter als ihre Grösse u.s.w.

Ich habe zugleich an dieser Art Wasserfaden
eine Bemerkung bestätigt gefunden, die ich schon
oft an Thieren und Pflanzen zu machen Gelegen-
heit gehabt habe, und die beyläufig keinen gerin-
gen Beweis von der Würde und Allgemeinheit
des Bildungstriebes abgiebt, daß nemlich die
Gestalt und Bildung der organisirten Körper
ungleich bestimmter und unabänderlicher ist
als etwa ihre Länge, Grösse und änliche derglei-
chen körperliche Eigenschaften. Die Länge der
Fäden ist bey den mehresten Confervengattungen,
so wie beym Wasserdarm (Vlua intestinalis
linn
.) bey den Seetangarten u.s.w. sehr varia-
bel: ihre Bildung hingegen und ihre Structur,
[Seite 56] man mag grosse oder kleine Individua untersu-
chen immer die gleiche. So ist auch bey den
Thieren und selbst beym Menschen die Grösse
vieler Theile, sogar der wichtigsten Eingeweide
des Magens, des Gehirns etc. die Länge des
Darmcanals u.s.w. ganz ausnehmend veränder-
derlich und unbestimmt, da hingegen die Abwei-
chungen in ihrer Bildung und Organisation
zu den anatomischen Seltenheiten gehören.

§. 31.
Die Misgeburten.

Die Misgeburten selbst, thun nicht allein
der Bestimmtheit des Bildungstriebes keinen
Eintrag, da kein Grund ist warum er nicht wie
jede andre Kraft durch zufällige Ursachen gestört
werden, eine abweichende Richtung nehmen sollte:
sondern die überaus sonderbare, obschon viel-
leicht noch wenig bemerkte Aehnlichkeit unter
[Seite 57] ihnen, giebt sogar diesem Triebe ein neues und
sehr beträchtliches Gewicht.

§. 32.
Bewundernswürdige Gleichförmigkeit
unter denselben.

Da die Abweichungen von einer Richtschnur,
von einer Wahrheit etc. ins Unendliche variiren
können, so scheint es auf den ersten Blick, daß
auch bey Bildung der Misgeburten (dieser Ab-
weichungen von der Richtschnur der Natur in
Hervorbringung organisirter Körper) eine gleiche
endlose und ganz zufällige Mannigfaltigkeit statt
haben müsse. Allein bey einer nähern Beleuch-
tung ergiebt sich vielmehr, daß eine bewunderns-
würdige Gleichförmigkeit unter den meisten Mon-
strositäten herscht, und daß folglich auch die Ur-
sachen, die in diesen Fällen dem Bildungstrieb
die falsche Richtung geben und dadurch Monstro-
[Seite 58] sitäten hervorbringen, dennoch an sehr bestimmte
Gesetze gebunden zu seyn scheinen. Wer nur ir-
gend Gelegenheit gehabt hat, eine beträchtli-
chere Anzal von Misgeburten unter einander zu
vergleichen, oder wer auch nur die sonst freylich
so schaalen sterilen compilirten Bücher davon mit
einiger Aufmerksamkeit durchblättert hat, dem
kan die frappante Gleichheit nicht entgangen seyn,
mit welcher diese oder jene Art von Monstrosität
sich immer selbst bis auf Kleinigkeiten ähnlich
bleibt, so daß die Stücke von so einer Art alle
wie aus einer Form gegossen scheinen.

§. 33.
Besonders unter gewissen Gattungen
organisirter Körper.

Noch auffallender aber ist, daß gerade die eine
Art von Monstrosität am häufigsten unter Kin-
dern, eine andre unter Lämmern, eine dritte fast
[Seite 59] blos unter Schweinen (die überhaupt, vielleicht
unter allen Thieren in der Schöpfung, am aller-
leichtesten den Misgeburten ausgesetzt zu seyn
scheinen) sich vorfindet.

Im ganzen genommen sind auch die Haus-
thiere den Mostrositäten weit mehr unterworfen
als die wilden: alle warmblütigen aber doch
widerum mehr als die kaltblütigen: und unter
diesen werden wieder fast blos Misstaltungen ein-
zelner Theile, des Kopfs etc. zuweilen angetroffen,
dagegen aber angebohrne doppelte Leider und
Gliedmassen so viel ich mich entsinne, bey ihnen
äusserst selten sind.*)

§. 34.
Spielarten oder Varietäten.

Die Entstehung der Misgeburten setzt eine
sehr forcirte ganz widernatürliche, aber daher
[Seite 60] auch nie oder nur wunderselten sich fortpflan-
zende Abweichung des Bildungstriebes voraus.
Anders ist es hingegen mit der Entstehung der
Spielarten und Varietäten unter den organisir-
ten Körpern beschaffen, als wobey die ebenfalls
veränderte Richtung dieses Triebes auf eine ge-
lindere, minder gewaltsame, aber dafür desto
tiefer wurzelschlagende, dauerhaftere und auf die
Nachkommen fortwürkende Weise veranlaßt wird.

§. 35.
Bastarde.

Zu den Ursachen die den Bildungstrieb auf
diese erbliche Weise verändern können, gehört
vorzüglich die Mischung eines ungleichen Zeugungs-
saftes; die unter verschiednen Gattungen eigent-
liche Bastarde, unter blossen Varietäten aber,
wie unter Negern und Weissen, Mulatten und
Blendlinge hervorbringt. Die Erscheinungen der
[Seite 61] erstern zumal, widersprechen allen Begriffen von
präformirten Keimen so sehr, daß es sich begreif-
fen läst warum die Verfechter derselben entwe-
der diesen Zweifelsknoten unberürt gelassen oder
nur sehr unbefriedigende Versuche zu seiner Auf-
lösung gegeben haben. Mich dünkt eine einzige
Erfahrung wie die, da Herr Kölreuter*) durch
wiederholte Erzeugung fruchtbarer Bastardpflan-
zen endlich die eine Gattung von Tobak (Nico-
tiana
rustica) so vollkommen in eine andre (Ni-
cotiana
paniculata) verwandelt und umgeschaffen,
daß sie nicht eine Spur von ihrer angestammten
Bildung und Unterscheidungszeichen übrig behal-
ten hat, müßte auch die eingenommensten Ver-
fechter der Evolutionstheorie von ihrem Vorur-
theil zurückbringen.

§. 36.
Nationalbildung, Familiengesichter etc.

[Seite 62]

Da der Gang der ganzen Schöpfung von der
Erhaltung der bestimmten Arten von Geschöpfen
und der Vollziehung der ihnen von der anweisen
Vorsehung angewiesnen Geschäfte abhängt, so
ist es den Absichten des Schöpfers gemäs, daß die
Vermischung von zweyerley Zeugungssäften ganz
verschiedner Art gemeiniglich alle Disposition zu
dem sonst dadurch zu erregenden Bildungstriebe
gänzlich zerstört und erstickt, mithin die Möglich-
keit der Bastardzeugung wegen der sonst daraus
nothwendig erfolgenden Verwirrung, nur auf
sehr wenige Fälle eingeschränkt wird. Eben
diese wenigen Fälle erweisen aber auch durch
die auffallend gemischte Bildung der Bastarde,
die Heftigkeit mit der alsdenn der Bildungs-
trieb abgeändert und zu einer ganz neuen Rich-
tung bestimmt werden muß. Anders ist es hin-
[Seite 63] gegen mit dem Clima, mit den Narungsmit-
teln, der Lebensart und mehrern dergleichen Ur-
sachen der Ausartung beschaffen, die allerdings
einen zwar langsamen aber kräftigen, für die Folge
desto dauerhaftern und tiefer wurzelschlagenden
Einfluß auf den Bildungstrieb äussern und wol
als die Hauptursachen der so merkwürdigen Na-
tionalbildungen, und mit Rücksicht auf Tempe-
rament auch als Hauptursachen der zuweilen noch
erstaunlichern (aber eben so wol als die hängen-
den Ohren und als der schlichte Schwanz der
unterjochten Hausthiere, erblichen) Familienge-
sichter anzusehen sind.

§. 37.
Erblich gewordene Künsteleyen an Bil-
dung des menschlichen Körpers.

Doch die bey weiten merkwürdigsten Ver-
änderungen und Abweichungen der Bildung sind
[Seite 64] zuverlässig die, so anfangs durch die Kunst, aus
Gewohnheit, Landessitte etc. veranlaßt, nach und
nach haftend, gleichsam zur andern Natur und
erblich worden sind.

§. 38.
Länglicht gedruckte Schedel.

Ich habe schon vor einigen Jahren bey Gele-
genheit einer Stelle im Hippocrates erinnert,
daß diese Bemerkung bey Untersuchung der
Menschenvarietäten von Nutzen seyn könne, und
bin seitdem durch mancherley weitre Beobachtun-
gen immer mehr darin bestärkt worden. Hip-
pocrates sagt nemlich in seinem Werke von Luft,
Wasser und Clima, daß die Colchier vor Zeiten
ihren neugebohrnen Kindern die Köpfe länglicht
gedruckt, weil sie diese Form für eine Schönheit
gehalten hätten u.s.w. In der Folge aber sey
diese anfangs erkünstelte Form den Kindern an-
[Seite 65] gebohren worden, so daß sie nachher von selbst
ohne alles binden und drücken solche länglichte
Köpfe gekriegt hätten.

§. 39.
platt anliegende Ohren.

Diese merkwürdige Erzälung eines so scharf-
sinnigen Mannes erhält durch verschiedene völlig
analoge Erfahrungen, ein desto grösseres Gewicht.
Die allgemein bekanteste geben gleich die Ohren
der cultivirten Nationen. Bekantlich sollten sie
vom Kopfe abstehn, nicht anliegen; denn die Na-
tur hat alle Menschen mit einer Anzal Muskeln
versorgt, die blos zu ihrer Bewegung, sie spitzen
zu können u.s.w. dienen sollten. Die Wilden
haben auch solche bewegliche abstehende Ohren,
und deshalb ein ungleich schärferes weiter rei-
chendes Gehör als wir, bey denen sie fast durch-
gehends flach anliegen, unbeweglich und ver-
[Seite 66] gleichungsweise schwachhörend sind. Aber dieß
kommt nun nicht daher weil Uns in unsrer Kind-
heit Mützgen und Fallhütgen aufgesetzt worden,
sondern weil unsre Väter vor Jahrhunderten als
Säuglinge welche getragen haben. Jetzt haben
die neugebohrnen Kinder und selbst die unreifsten
Leibesfrüchte Europäischer Eltern schon flachan-
liegende Ohren: aber wahrscheinlich würden un-
sere Nachkommen nach einigen Generationen wie-
der Ohren und Gehör wie die Wilden erhalten,
wenn Wir jetzt anfingen die Kindermützen etc. die
diese Bildung nun einmal unterhalten, wieder
abzuschaffen.

§. 40.
Bartlose Americaner.

Man hat neuerlich sehr pro und contra ge-
stritten, ob die Americaner von Natur oder
durch Kunst unbärtig wären? – Abgerechnet, daß
[Seite 67] sich allerdings durch ganz America von Grönland
bis unten zum Feuerlande ganz ausgemacht würk-
lich bärtige Nationen finden, so sagen ja die äl-
testen und präjudizlosesten Reisenden, wie der
alte ehrliche Hans Staden von Homburg, auch
nachher noch Marcgrav von Liedstadt, Lionel
Wafer und andre mehr, daß sich die Chilier,
Brasilianer u.a. Americanische Völker den Bart
ausraufen, beschreiben aufs umständlichste wie sie
ihn mit Muschelschaalen gleichsam auswurzeln u.
s. w. Und doch versichern hingegen die neuern
Reisenden vom besten Credit, Anton Ulloa u.a.
daß es jetzt von Natur unbärtige Nationen in
America gäbe. So wiedersprechend diese Nach-
richten auf den ersten Blick scheinen müssen, so
leicht lassen sie sich doch durch das was jetzt ge-
sagt worden, mit einander vergleichen. Die Na-
tur ward endlich überdrüssig einem Volk einen
Schmuck aufzudringen, den es immer wieder
[Seite 68] vertilgte und vernichtete, und so wurden die heu-
tigen Brasilianer, Mexicaner etc. gleichsam dazu
gebohren, wozu sich ihre Vorfahren erst durch
schmerzhafte Künste machen mußten.

§. 41.
Hängende Brüste, Ohrläppgen etc.

Und eben so vermuthe ich, daß auch die un-
geheuer langen Brüste der Weiber am Cap und
in Neuseeland etc. und die bis auf die Schultern
herabhängenden Ohrläppgen so vieler südlichen
Völker wol nach und nach, durch die, viele Ge-
nerationen hindurch übliche gewaltsame Verlän-
gerung, endlich einen natürlichen Hang zu einer
solchen erblichen Erschlappung erhalten haben:
wenigstens zweifle ich, daß ohne eine solche vor-
gängige, schon längst practicirte Künsteley, es
möglich seyn sollte die genannten Theile bey
einem Europäer auch durch die gewaltsamste Deh-
[Seite 69] nung zu einer so ganz prodigieusen Länge herab-
zuzerren.

§. 42.
beschnitten Gebohrne.

Eben so leicht läßt sich nun auch die sonderbare
Erfahrung erklären, wovon man in Stephan Ger-
lachs Tagebuch und andern gültigen Quellen Versi-
cherung erhält, daß nemlich in Orient zuweilen
Knäbgen schon beschnitten gebohren werden, d.h.
von Natur eine so kurze Vorhaut mit zur Welt
bringen, daß man sie nicht weiter zu beschneiden
braucht.*)

§. 43.
Einfluß des Bildungstriebes auf die
Nutrition.

Alles bisher gesagte betraf die Würksamkeit
des Bildungstriebes beym eigentlichen Genera-
[Seite 70] tionsgeschäfte. Da aber die Ernährung wie schon
oben erinnert worden im Grunde eine unmerklich
fortgesetzte Erzeugung ist, so ist die Wichtigkeit
des Einflusses leicht begreiflich den jener Trieb
auch auf sie haben muß. Der Umlauf der Säfte
nemlich, und überhaupt die Bewegung aller
Theile des belebten Körpers muß eine unauf-
hörliche obschon fast unmerkliche Verdunstung
der flüssigen und Abnutzung der festen Theile
verursachen die schon an manchen allgemein be-
kannten Erscheinungen wie z.B. am allmäligen
abscheuren der Oberhaut der gewaschenen Hände
beym abtrocknen, oder an den glatten Flächen
und Facetten die durchs Kauen an die festesten
Theile des ganzen Körpers nemlich an die Zähne
geschliffen werden, gar sehr sichtbar wird: die
aber in andern Fällen wie z.B. bey der lebenslang
unaufhörlichen und äusserst heftigen Bewegung des
Herzens, so wie auch bey der fast eben so ununter-
[Seite 71] brochnen willkürlichen Bewegung mancher Thiere
z. E. des Räderwurms (vorticella rotatoria) oder
gewisser Glieder, wie der Floßfedern junger
Fische u.s.w. noch ungleich beträchtlicher, und
im ganzen von so erstaunlichen Belange ist, daß
nach den Berechnungen des grossen Johann
Bernoulli*) auf diese Weise binnen weniger
als drey Jahren der ganze Körper eines erwach-
senen Menschen gänzlich destruirt und gleichsam
vernichtet seyn könnte, wenn nicht durch die Er-
nährung dieser unaufhörliche allmälige Verlust
eben so unaufhörlich und allmälig wiederum er-
setzt, und auf diese Weise Verlust und Ersatz in
einem beständigen verhältnismässigen Gleichge-
wicht, und der belebten Maschine ihre bestimmte
Körpermasse erhalten würde.

§. 44.
Die hingegen der Evolutionstheorie un-
erklärlich bleiben muß.

[Seite 72]

Bey einer so unaufhörlichen Zerstörung von
der einen und eben so unaufhörlich fortgesetzten
Wiedererzeugung von der andern Seite begreife
ich nicht wie man ernsthaft bleiben könnte wenn
die Verfechter der Evolution ihrer Lehre gemäs
unnennbar zahllose und atomische Keime für eben
so unzälige jeden Augenblick abgescheuerte oder
verdunstete atomische Theile des Körpers anneh-
wen wollten; die nach der verschiednen Lebensart
der einzelnen Subjecte und der eben so verschied-
nen Abnutzung ihrer einzelnen Theile auch in einer
eben so verschiednen und ganz verhältnislosen Menge
zur Entwickelung gelangen müßten u.s.w. – Lauter
Voraussetzungen die folgends in so vielen beson-
dern Fällen z. B. bey dem bekannten Versuch Bäume
auszuheben und umgekehrt mit den Aesten in
[Seite 73] die Erde zu pflanzen, so daß diese nachher Wurzel
fassen und hingegen die ehemaligen Wurzeln als
Aeste mit Laub ausschlagen –*) eben so sehr zu
offenbar seltsamen Widersprüchen werden, als
hingegen alle die genannten Erfahrungen sich mit
der einfachsten Leichtigkeit aus den Gesetzen des
Bildungstriebes erklären und sich mit allen übri-
gen Erscheinungen des ganzen Zeugungsgeschäftes
aufs ungezwungenste vergleichen lassen.

§. 45.
Die Reproduction.

Und doch erhält alles was ich bisher zum Er-
weis des augenscheinlichen Einflusses des Bil-
dungetriebes aufs Zeugungs- und Ernährungs-
geschäfte gesagt habe, folgends sein bey weiten
größtes Gewicht sobald man es mit den Erschei-
nungen der Reproduction parallelisirt, die wie
schon oben erinnert worden, eine partielle wie-
[Seite 74] derholte Generation ist, und die mich jetzt wie-
der dahin zurückbringt wo ich am Anfang die-
ser Schrift ausgegangen war.

Ich habe die erste von jenen beiden im ersten
Absatz angeführten Erfahrungen seit dem so wol
an den gedachten grünen als auch an andern Ar-
ten von Armpolypen sehr oft und immer mit dem
angezeigten Erfolg, wiederholt: nur daß es bey
den grünen am allersichtbarsten war, daß das
kürzlich verstummelte Thier anfangs fast im glei-
chen Maasse kleiner ward, so wie es seine neuen
Arme oder Hinterleib wieder reproducirte. Man
sah offenbar, wie sehr die Natur eilt dem ver-
stümmelten Geschöpfe nur so bald als möglich
seine bestimmte Bildung wieder zu ersetzen:
und daß in der Kürze der Zeit, da ohnmöglich
schon durch die Nahrungsmittel (die ohnehin ein
verletzter Polype nicht so häufig zu sich nimmt
als ein gesunder) sattsamer Stoff zu den neuen
[Seite 75] Gliedern wieder gesammlet seyn konnte, der
Rumpf einen Theil seines noch übrigen eignen
Stoffes hergeben muß, der sich dann mittelst
des ihm beywohnenden Bildungstriebes in die
Gestalt der verlohrnen Glieder formt, und so die
zerstörte Bildung wieder ergänzt.

§. 46.
Leichtigkeit des Ersatzes bey Geschöpfen
von einfachen Körperbau.

Zugleich erklärt sich auch warum diese Er-
gänzung beym Polypen am allerleichtesten, schwe-
rer schon bey Regenwürmern, Seeanemonen und
Seesternen, und noch langsamer bey Krebsen
und Wassermolchen erfolgt. Der ganze Arm-
polype besteht durchgehends aus lauter völlig
gleichen drüsenartigen Kügelchen, die durch eine
gemeinschaftliche Gallerte mit einander verbün-
den sind. Dieser einfache Stoff ist also zur Ergän-
[Seite 76] zung eines jeden verlohrnen Giedes geschickt, und
vorräthig. Bey den andern genannten Thieren hin-
gegen, sind die Glieder aus weit verschiednern Stoffe
(aus mancherley partibus similaribus wie die Al-
ten sagten) zusammengesetzt. Und doch sieht man,
daß sich auch dann der Unterschied blos auf die
kürzere oder längere Zeit die zum Ersatze nöthig,
und auf die grössere oder geringere Vollkommen-
heit desselben reducirt.

§. 47.
Fernere Reproductionsversuche mit Arm-
polypen die ebenfalls den vorgeblichen
Keimen wiedersprechen.

Ausser jener Leichtigkeit und Geschwindigkeit
der Wiederersetzung haben die Armpolypen auch
noch für den Beobachter meist den gleichen Vor-
theil der Durchsichtigkeit der mir bey Untersu-
chung der oben beschriebnen Fortpflanzung der
[Seite 77] Brunnenconferve so sehr zu statten kam: und
ich begreife daher um so weniger wie den so
überaus scharfsinnigen Erforschern der Polypen-
wunder die unauflöslichen Schwierigkeiten haben
entgehen können, womit so viele von ihnen selbst
angestellte Versuche offenbar ihrer Hypothese wi-
dersprechen, nach welcher ‘„in allen Theilen der
Polypen zerstreuete Keime so lange eingewickelt
und gleichsam in einen erstarrenden Todesschlaf
liegen sollen bis sie nach der Phantasie eines ihnen
zu Hülfe kommenden Beobachters durch den
Schnitt einer Scheere ermuntert, aufgeweckt,
aus ihrem Kerker befreyt, und zur Entwicke-
lung angereizt würden.“’

Wenn man nun aber zwey verstümmelte halbe
Polypen verschiedner Art (z.B. die vordre Hälfte
eines grünen, und das Hintertheil eines braunen)
aneinander bringt, so heilen sie bekanntlich zu-
sammen, und stellen dann, fast wie die Chimäre
[Seite 78] der Mythologie, eine aus verschiednen Thiergat-
tungen zusammengesetzte Gruppe vor. – Nach
der angeführten Theorie der Evolution hätten
aber in diesem Fall durch den doppelten Schnitt
aus den beiden verstümmelten Polypen sich neue
Keime entwickeln müssen – allein, dieß konnte
nicht erfolgen weil es weit natürlicher und leich-
ter war, daß sich zwey Hälften mittelst ihres Bil-
dungtriebes zusammen paßten und in kurzen ein
gehöriges Ganzes ausmachten, als daß jede dieser
Hälften erst auf die oben beschriebene Weise zu
einem besondern Thiere wieder hätte ausgebil-
det werden sollen.

Noch auffallender aber wird beides die Un-
wahrscheinlichkeit der vermeynten Keime und
die Würksamkeit des Bildungstriebes bey dem
bekannten Versuch da man einen Armpolypen
nicht in Stücken oder entzwey zerschneidet, son-
dern ihm nur mit einer seinen Scheere den Bauch
[Seite 79] der Länge nach aufschneidet und ausbreitet, so
daß er alsdenn gar keine Bauchhöle mehr hat,
und sein Körper keine cylindrische Röhre son-
dern ein flaches Streifgen Gallerte, wie ein
Riemgen, vorstellt. – Statt daß nun alsdenn
durch den Schnitt an beiden Seitenrändern die-
ses Riemgens zahlreiche vermeynte Keime in
Freyheit gesetzt werden und sich auswickeln soll-
ten, so erfolgt hingegen blos eine von den bei-
den Fällen die sich von selbst nach den Gesetzen
des Bildungstriebes erwarten lassen – entwe-
der nemlich, der aufgeschlitzte Polype rollt sich
wieder in seine vorige Gestalt zusammen, daß
die wunden Seitenränder einander wieder berü-
ren und zusammen wachsen: oder aber wenn er
als ein flaches Riemgen ausgebreitet bleibt, so
schwillt er nach einiger Zeit auf, wird gleichsam
aufgeblasen und es bildet sich nach und nach in
seinen Innern eine neue Bauchhöle, so daß er
[Seite 80] auch dann binnen kurzer Zeit seine angestammte
Gestalt restituirt erhält.

In diesen beiden angeführten und vielen an-
dern Fällen braucht gar kein neuer Stoff er-
zeugt – sondern nur die zerstörte Bildung wie-
der hergestellt zu werden: eine Art von Reprodu-
ction die um so sorgfältiger von den übrigen
unterschieden und abgesondert werden muß, je we-
niger sie sich mit den prätendirten Keimen ver-
gleichen läst und je grösser hingegen das Ueber-
gewicht ist das die Lehre vom Bildungstriebe
durch sie erhält.

§. 48.
Classification der verschiednen Repro-
ductionsarten.

Ueberhaupt nemlich lassen sich alle Repro-
ductionen in natürliche oder nothwendige (Re-
productio secundum naturam
), und in ausseror-
[Seite 81] dentliche oder zufällige (praeter naturam) ein-
theilen.

Zur erstern Art gehört z.B. das jährliche Ent-
blättern des Laubes, die Häutung der Raupen,
der Spinnen, der Blattläuse und so vieler andrer
Insecten; das Schälen der Krebse und die
Verjüngung ihres Magens und dessen dreyer
Zähne; die Häutung der Amphibien, das Abfal-
len des Stachels am Giftrochen, das Mausern
der Vögel, das Haaren der Säugethiere, das
Abwerfen der Geweihe, das Wechseln der Zähne
u.s.w.

Die letztere hingegen, von der hier eigent-
lich allein die Rede ist, zerfällt wiederum in zwey
Hauptclassen.

A. Blosse Wiederherstellung der zerstörten
Bildung ohne Verlust von Stoff.
(Reproductio formae)

[Seite 82]

B. Wiederersetzung des zugleich verlohrnen
Stoffes (Reproduction materiei)

Zu jener ist ausser den im vorigen Abschnitte
angeführten Erfahrungen an den Polypen, und
den bekannten Versuchen, daß man auch selbst
warmblütigen Thieren nach und nach in wie-
derholten Operationen den ganzen Schenkel u.a.
Theile völlig durchschneiden kan, und diese doch
eben so allmälig wieder anheilen und Leben und
Bewegung conserviren u.s.w., auch gewissermas-
sen der künstliche Ersatz verlohrner Theile mit-
telst einer anologen Substanz, z. E. die Befe-
stigung fremder eingesetzter Zähne in frische Zahn-
lücken, und des Tagliacozza berüchtigte Nasen-
ersetzung etc. zu zälen.

Die zweyte aber begreift erstens die Wun-
den mit Verlust von Substanz; und dann die
völlige Reproduction gänzlich verlohrner Glieder.

§. 49.
Macht des Bildungstriebes bey der Re-
production an warmblütigen Thieren.

[Seite 83]

Die schon gedachte Schwierigkeit der Repro-
duction bey Thieren von sehr zusammengesetzten
Körperbau ist vorzüglich bey denen mit warmen
Blute am allergrösten: als bey welchen zumal
die leztangeführte Wiederersetzung gänzlich ver-
lohrner Theile, (die Knochen etc. ausgenommen)
sehr schwerlich oder doch nur unvollkommen von
statten geht. Und doch zeigt sich auch selbst in
diesen Fällen die Macht des Bildungstriebes
zuweilen aufs unwiderredlich sichtbarste. Man
hat z.B. oft gesehn, daß die Nägel der Fin-
ger und Fuszehen, wenn auch selbst die vor-
dern Gelenke von diesen amputirt worden
nichts destoweniger sich an den verstümmel-
ten Enden der hintern Glieder wiederum erzeu-
[Seite 84] gen*) u.s.w. Es wäre eine starke Zumuthung je-
mand überreden zu wollen, daß die Natur vorläufig
auf solche Amputationsfälle gerechnet, und daher
längst der ganzen Finger und Fuszehen Keime zu
Nägeln auf solchen Nothfall ausgesäet hätte! etc.
Und wie natürlich erklärt sich nicht hingegen die
ganze Erscheinung wenn man sie aus der Würk-
samkeit des Bildungstriebes herleitet, dessen
Tendenz, die äussersten Extremitäten des Kör-
pers, nemlich die Enden der Finger und Fuszehen
durch hornichte Nägel zu begrenzen, stark genug
ist um sie im Nothfall auch sogar an ungewöhn-
lichen Stellen zu reproduciren.

Eine andre eben so bekannte und hier eben
so sprechende Erfahrung ist die, wo die Natur
den Verlust eines Gliedes dessen mannichfaltigen
Stoff sie nicht leicht vollkommen hätte ersetzen
[Seite 85] können, dennoch mittelst einer einfachen etwa
knorplichten oder knochichten Substanz zu vergüten
sucht, die durch die Kraft des Bildungstriebes
in die Gestalt des verlohrnen Glieds geformt und
wenigstens zu einigen Gebrauch geschickt gemacht
wird.*)

§. 50.
frohe Aussicht in die Zukunft.

Alle und jede organisirte Körper haben ihren
Bildungstrieb, alle folglich auch eine Repro-
ductionskraft: und der scheinbar grosse Abstand
der in diesem Stücke zwischen den kaltblütigen
und warmblütigen Thieren vorwaltet, wird bey
einer nähern Untersuchung weit minder auffal-
lend. Allerdings scheint zwar, wie wir schon
bey Gelegenheit der Misgeburten angemerkt
[Seite 86] haben, der Bildungstrieb bey den kaltblütigen
Thieren ungleich stärker, lebhafter und infal-
libler
als bey denen mit warmen Blute: al-
lein wahrscheinlich hat man auch die Repro-
ductionskraft der leztern, über die man bisher zu
sparsame Versuche angestellt, nur allzu gering an-
geschlagen, und ich gebe die Hoffnung noch nicht
auf, daß wenn man nur erst durch Versuche alle
die Hindernisse wird ausgefunden haben, die die
Reproduction bey diesen Thieren erschwehren,
daß nicht alsdenn der menschliche Verstand auch
Mittel ausfindig machen sollte, sie wenigstens
grossentheils zu überwinden.

Reproduction ist der grosse Zweck der gan-
zen Chirurgie! und man sieht also leicht was
jene Hoffnung für Aussichten zur Erweiterung
der Grenzen dieser Wissenschaft und folglich zur
Milderung des menschlichen Elendes öffnet, und
[Seite 87] wie durch eine solche Anwendung der Naturge-
geschichte, diese anmuthigste und lehrreichste
aller menschlichen Kenntnisse auch immer mehr
zur wohlthätigsten und nutzbarsten erhoben wer-
den könne.


Notes
*).
[Seite 4]

Epistola de generatione plantarum ex seminibus
die seinem Werke de rabie contagiosa Vened.
1625. 4. vorgedruckt ist.

*).
[Seite 5]

Bloedeloose Dierkens S. 60. 64 u. f. und Biblia natu-
rae
S. 41. 44. etc. Von Swammerdams Evolutions-
Theorie überhaupt s. P. Lyonet Lettre etc. in
der Bibl. raisonnée Th. 40. S. 446. etc.

*).
[Seite 6]

Er schrieb mir selbst unterm 28. Aug. 1776. ‘„ich
danke der Vorsehung die mir so viele Lebenszeit
gegeben hat, daß ich eine neue Auflage der
Physiologie habe ausarbeiten können, ohne die
ich der Welt viele Fehler würde zu wiederlegen
gelassen haben.“’

*).
[Seite 10]

Es ist zwar ganz wol begreiflich wie ein solcher kleiner
Umstand von manchen Beobachtern entweder in der
Erwartung grösserer Merkwürdigkeiten ganz übersehen
oder aber nicht anmerkungswerth gefunden worden.
Doch scheint der sorgfältige Rösel drauf geachtet
zu haben. Hist. der Polypen im 3. B. der In-
sectenbelustig. S. 490.

*).
[Seite 11]

Eine ebenfalls schon anderwärts bemerkte Er-
scheinung. Man s. die Abh. der Hrn. Fabre und
Louis, des playes avec perte de substance in den
Mem. de l'acad. de Chirurgie Vol. IV. S. 74.
und 106.

*).
[Seite 15]

De formatione foetus p. 528. ‘„Spiritus in aërea
seminis substantia comprehensus, aspersus autem
a calore caelesti, et vi a patre accepta, et ea
quam a coelo participat, in vterum foeminae con-
iectus, concoquit materias a foemina infusas et
pro ratione ipsarum variis modis afficiens efficit
instrumenta. Dum vero ea fabricat appellatur
Facultas διαπλαςικη seu δημιȣϱγικη. Sed vbi ex-
structa fuerint instrumenta, vt iis vti queat,
quae prius erat vis formatrix, illis vtens dege-
nerat in animam
.“’

*).
[Seite 17]

H. Casp. Friedr. Wolf Theorie von der Genera-
tion. S. 160.

*).
[Seite 24]

Schlaffunzen, Rosenschwämme, Spongiae cynos-
bati
:

**).
[Seite 24]

Colligere omnino licebit Spongias hasce diuersum
quid esse a cynosbato (cui innascuntur) et quasi
plantam in planta. chr. hagendorn cynosba-
tolog
. p
. 82.

*).
[Seite 26]

Schon der scharfsinnige Malpighi glaubte der Cy-
nips flöse zugleich mit dem Ey einen besondern
Saft in die Wunde die er dem Gewächs sticht,
und dieser verursache den Auswuchs mittelst einer
[Seite 27] Art von Gährung. de Gallis, in seinen Werken,
der Londner Ausg. 1686. 1. B. 2. Th. S. 22. u.
37. Man vergl. hiemit Reaumur im III. B. S.
502 u. f.

*).
[Seite 27]

Götting. gel. Anz. 1763. St. 84. S. 676.

*).
[Seite 29]

Völlig so wie die Haut und die Gefässe des so-
genannten Graafischen Eyes beym Weibe und bey
andern Säugthieren, ihres Geschlechts im Eyer-
stocke zurück bleiben und zum gelben Körper ver-
wachsen.

*).
[Seite 36]

Von Natur der Dinge an Johansen Winkelstei-
ner von Freyburg in Uchtland. im 6ten B. der
Huserschen Ausg. seiner sämtlichen Werke. S. 263.
u. f.

Ein ähnliches Product beschreibt amat. lv-
sitanvs
curation. medicinal. Cent
. VI, cur.
53. Schol. S. 612. ‘„Certo scimus chimico arti-
ficio puerum conflatum esse, et omnia sua mem-
bra perfecta contraxisse, ac motum habuisse: qui
cum a vase, vbi continebatur, esset extractus,
moueri desiit. Nouit haec accuratius ivlivs
camillvs
, vir singularis doctrinae et rerum oc-
cultarum et variarum hac nostra aetate magnus
scrutator, et Hetrusca sua lingua scriptor diligen-
tissimus et accuratissimus
“’ doch finde ich in des
L. Dolce Ausgabe der Opere di m. givl. ca-
millo
Vened. 1552. 12.; nichts weiter davon.

**).
[Seite 36]

Man sehe s. Generation de l'homme et des ani-
maux
Par. 1750. 12. wie auch die Observ.
sur l'hist. nat.
1 Th. und seinen freylich etwas
misgestalten Fötus selbst mit lebendigen Farben vor-
gestellt Taf. A. fig. 3.

*).
[Seite 37]

Essay de Dioptrique Par. 1694. 4. S. 230. wo
der scharfsichtige Mann eine genaue Abbildung des
in die Hülle eines Saamenthiergen eingewickelten
und auf seine Befreyung harrenden Kindgens giebt.

*).
[Seite 41]

th. birch's hist. of the Roy. Society Vol. III.
p. 32.

**).
[Seite 41]

Eben daselbst S. 456.

*).
[Seite 47]

Göttingisches Magazin 2ter Jahrg. 1 St. S. 80.
u. f.

*).
[Seite 52]

Schon durch diese Textur unterscheidet sich diese
Brunnenconferve von der ihr sonst zunächst ver-
wandten Bachconferve (C. riuularis linn.), als
bey welcher die Elenlangen aber überaus zarten
und beynah schleimichten Fäden aus einer einfa-
chen Reihe ausnehmend schöner flockichter oder
flammichter grüner Kügelgen bestehn, die in einem
äusserst dünnhäutigen Röhrgen liegen, paarweise
wie durch zarte Fächergen von einander abgeson-
dert sind und sich unter starker Vergrösserung mit
einer unbeschreiblichen Sauberkeit zeigen.

*).
[Seite 54]

Ich kan nicht sagen ob aus dem womit er sich
vorher vom alten Faden losgegeben oder aus dem
andern?

*).
[Seite 59]

Höchstens finden sich zuweilen Schlangen und Ei-
dexen mit doppelten Köpfen oder Schwänzen, die
aber schon unter den Fischen unerhört sind.

*).
[Seite 61]

Dritte Fortsetzung der vorläufigen Nachricht
S. 51 u. f.

*).
[Seite 69]

S. Herrn Hofr. Michaelis Mosaisches Recht Th.
IV. S. 46. der zweyten Ausg. und Orientalische
Bibl. Th. IV. S. 94.

*).
[Seite 71]

Tempe Helvetica. T. I. p. 109 u. f.

*).
[Seite 73]

(M. de St. simon) des Iacinthes S. 12. u. f.

*).
[Seite 84]

tvlpii obs. medic. L. IV. c. 55.

*).
[Seite 85]

Hist. de l'ac. des scienc. de Paris 1770. S. 50.



Blumenbach, Johann Friedrich. Date:
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